Der spanische Flughafen-Betreiber Aena soll seinen Mietern die Pistole auf die Brust gesetzt haben. Nach Angaben Betroffener habe der Betreiber den Geschäften Rechnungen zugestellt, nach denen sie für das angelaufene Jahr die volle Miete nachfordern. An einigen Airports war der Publikumsverkehr auf zehn bis 15 Prozent zurückgegangen.
Wer sich wundert, warum ein Sandwich oder ein Getränk am Flughafen bisweilen um ein vielfaches teurer ist als an einer Strandbar, muss einen Blick auf die Mietverträge werfen. Geschäfte und Restaurants befinden sich meist in einer symbiotischen Partnerschaft mit den Flughäfen.
Die Betreiber erhalten Umsatzbeteiligungen, die je nach Art und Größe eines Geschäfts bis zu 45 Prozent des Umsatzes ausmachen. Zudem gibt es Werbedeals. Beide Umsatzstränge bilden zusammen eine monatliche variable Summe, mit der die Geschäfte den Flughafenbetreiber beteiligen.
Zusätzlich gibt es jährliche Garantien. Dadurch ist der Betreiber abgesichert, falls eine Geschäftsidee nicht aufgeht. Recherchen der Infocasa zufolge, unterhält die spanische Aena landesweit rund 800 Verträge. Umgesetzt werden demnach etwa 1,2 Milliarden Euro, davon 150 Millionen auf den Kanarischen Inseln.
Aus dm Archiv: Reisewarnung für die Kanaren
Mietanpassung für Corona-Zeit auf den Kanaren sorgt für Streit
Ausgangslage für den nun entbrannten Streit ist eine Mietanpassung für die Corona-Zeit. Die Betreibergesellschaft hatte für die Pandemie-Monate eine neue Formel vorgeschlagen. Demnach sollten die Mieten des Jahres 2019 herangezogen und auf die tatsächlichen Fluggäste des Jahres 2020 angepasst werden. Dies sei jedoch lediglich den Autovermietungen angeboten worden, die umgehend einlenkten.
Geschäfte und Restaurants hätten jedoch andere Konditionen vorgeschlagen bekommen, berichtet Infocasa. Demnach seien bis zum 14. März 2020 normale Mieten angesetzt worden. Während des kompletten Lockdowns sollen die Mieten ausgesetzt werden und ab Juni 2020 bis September dieses Jahres mit der Hälfte veranschlagt werden. Danach sei wieder mit Regelbetrieb zu rechnen und somit die volle Miete anzusetzen – eine Einschätzung, die selbst die kanarische Regierung nicht teilt. Von dort hieß es wiederholt, dass erst ab 2022 oder sogar 2023 wieder mit normalen Umsätzen zu rechnen sei.
Corona: Kanarische Flughäfen bieten Entgegenkommen mit Bedingungen
Trotz des Entgegenkommens für das Jahr 2020 sagen Geschäftsleute, dass sie auch 50 Prozent der Mieten nicht tragen können. Viele von ihnen mussten dauerhaft schließen, da ein Betrieb bei rund einem Zehntel des Besucherverkehrs nicht wirtschaftlich sei. Und ohne Umsätze sei auch die halbe Miete nicht aufzubringen.
Erschwerend hinzu komme, dass das Entgegenkommen an zwei Bedingungen geknüpft sei. Zum Einen verzichten Geschäfte, die sich auf den Deal einlassen, auf weitere Ansprüche dem Airport gegenüber, zum anderen musste die Entscheidung bis zum 1. Februar getroffen werden, also noch während viele Geschäfte weiterhin auf bessere Aussichten warten.
Nur wenige Geschäftsleute sollen sich auf den Deal eingelassen haben, der Großteil hingegen wartete ab. Dieser bekam nun die Rechnung über die vollen 100 Prozent der Miete für das abgelaufene Jahr zugestellt.
Der Betreiber hat grundsätzlich das Recht dazu, seine Interessen durchzusetzen. Es ist vornehmlich eine ethisch-moralische Frage. Überraschender als die Schärfe, mit der die Aena vorgeht, ist die Zurückhaltung der Politik. Zwar hatte der Minister für Transport, Mobilität und Stadtplanung, José Luis Ábalos, Unterstützung angekündigt, um die 4000 kanarischen Arbeitsplätze des Wirtschaftszweigs nicht zu gefährden, im konkreten Fall ist aus der regionalen Regierung jedoch ausschließlich Schweigen zu vernehmen.
Große Ketten scheuen die öffentliche Konfrontation und hoffen auf individuelle Einigungen. Viele kleine Unternehmer schlossen sich derweil zu einem neuen Bündnis zusammen. Sie erwägen, gemeinsam vor Gericht zu ziehen. Der Streit geht damit in die nächste Runde. Ihre größte Hoffnung: Den individuellen Deal zwischen Aena und den Autovermietern zum Präzedenzfall erheben zu können.
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Streit um Miete: Flughafen-Geschäften droht das Corona-Aus
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